Drei Männer wünschen sich nichts sehnlicher als Liebe. Alle Bemühungen führen immer wieder zu Enttäuschungen und Zweifeln an der eigenen Männlichkeit.
Überraschend erscheinen Engel, die keine Engel sein wollen. Die Begegnung verläuft vollkommen anders, als die Vorstellung jedes Einzelnen davon. Sie ist geprägt von Angst, persönlichen Reaktionsmustern und Erwartungen an den Anderen.
Das Ensemble hat sich in der Probenarbeit darauf eingelassen, im Kontakt mit sich selbst danach zu suchen, was die Erfüllung des Bedürfnisses nach Liebe letztlich so schwer macht.
Fotos: ©Stefan Gloede
Textentwicklung, Dramaturgie, Bühnenbild, Regie: Martina König
Regieassitenz: Friederike Anna Schäfer
Choreografie: Annett Scholwin
Dramaturgische Mitarbeit und Kostüme: Katrin Kaiser
mit Mathias Iffert, Mario Neubert, Bob Schäfer, Barbara Schaffernicht, Irene Ossa Moyzes, Laura Speicher
Premiere: 08.11.2023
Potsdamer Neuste Nachrichten vom 20.11.2013 zu Knocking on angels door – wenn Männergebete erhört werden
Liebe und Einsamkeit
Fast glaubt man zu wissen, was einen erwartet in einem Bühnenstück, in dem drei einsamen Männern plötzlich drei weibliche Engel erscheinen. Sei es ein humoriges Spektakel, das um den ewigen Wunsch nach Liebe und Zweisamkeit kreist, wo zwischen allerlei Wortwitz und Situationskomik hier ein bisschen gelitten, da ein wenig gejammert wird und sich am Ende alle vereint in den Armen liegen, während die Gäste applaudieren und sich noch die Lachtränen aus den Augen wischen.
Also harmlos heiter könnte es auf dem Theaterschiff hergehen, wüsste man nicht, dass hier im stets mit Bravour gespielten lustigen Treiben oft auch ernsthafte und tragische Komponenten verpackt sind. Wie auch am Freitagabend wieder, als sich das Publikum nach der erwartungsgemäß ausverkauften Premiere von „Knocking on angels door“ in die schöne Lage versetzt sieht, der leichten und zugleich auch der anspruchsvollen Unterhaltung seinen Beifall zu spenden. In dieser neuen Eigenproduktion, die die Regisseurin Martina König gemeinsam mit dem Bordensemble erarbeitet hat, wird das Publikum gewissermaßen aufs Glatteis geführt. Was eben noch als sprühende Komödie funktioniert, wechselt beinahe unauffällig die Gangart und endet dann jäh mit bitteren, traurigen Untertönen.
Dabei gibt es anfangs viel Frohsinn und Gelächter, als man die drei sich so nach einer Partnerschaft sehnenden Freunde auf der fast leeren Bühne wie für ein Bandfoto posieren sieht. Dann heulen sie los wie einsame Wölfe, singen ein Cowboylied, gehen wie stolze Gockel umher und überbieten sich gegenseitig mit geradezu aberwitzigen Männlichkeitsritualen. Dass es ihnen so noch nicht gelungen ist, eine Frau zu erobern, verstehen sie nicht. Immerhin, der bubenhaft wirkende Lange (perfekt: Bob Schäfer) hat seine Hoffnung noch nicht verloren, doch nimmt er schon Reißaus, wenn ihm eine „Zauberfrau“ auf seine Kontaktanzeige hin erste unbequeme Fragen stellt.
Fast resigniert hat hingegen der Kurze, jener von Mario Neubert herrlich verkörperte Macho, der sich darüber beklagt, wie frustrierend es doch sei, in der Disko den Frauen beim Tanzen zuzuschauen und sofort als Suchender erkannt zu werden. Mit diesem Thema scheinbar längst abgeschlossen hat indes der Dicke (grandios: Mathias Iffert), ein Kerlchen, das in giftgrüner Hose und cremefarbenem Hemd wie ein Häufchen Elend auf seinem Stuhl hockt und sich sagt, dass es wohl am besten sei, wenn man nicht mit einer Frau zusammenlebt, die man am meisten liebt, sondern die einen am wenigsten anwidert.
In ihrer geknickten Männlichkeit verfallen diese drei Tröpfe schließlich auf die Idee, zur Klampfe und mit Guns N’ Roses „Knocking on heavens door“ auf den Lippen verzweifelt den Himmel um Hilfe anzurufen. Und dort werden sie auch erhört. In fast völlige Finsternis getaucht sitzen drei Engelsfrauen, jede für sich, mit dem Blick zur Wand. Während in dieser bildstarken Szene sich zumindest zwei von ihnen (Sabrina Kaiser und Irene Ossa-Moyzes) trotz schlechter Erfahrungen nach einem neuen Partner sehnen, werden sie von der Dritten im Bunde, der von Barbara Schaffernicht mit Grazie gespielten, abgeklärten Engelsfrau gewarnt. Vergeblich. Letztlich erscheinen alle drei den einsamen Freunden auf Erden leibhaftig, im weinroten Kleid die eine, im eng anliegenden schwarz-weißen Kostüm die andere und die erfahrene Engelsfrau schließlich in lässiger Pose, Zigarette rauchend, im grauen Mantel, einen Rollkoffer hinter sich her ziehend.
Wer hier nun annimmt, dass sich nach einigen Späßchen drei Paare bilden werden, der irrt. Auch wenn es ein Weilchen noch diesen friedlichen Anschein macht, der Dicke erschrocken auf den Anblick der Damen reagiert, der Lange verzückt vom Barhocker fällt und der Kurze sofort alberne Kunststücke vorführt, so wird doch rasch klar, wie wenig diese sechs einsamen, sich äußerlich durchaus ähnelnden Figuren tatsächlich zueinander passen. Angesichts der Posen und des aufgeregten Kasperletheaters der Männer rollen die Frauen genervt mit den Augen.
Und als sich der Lange und der Kurze beherzt eine Tanzpartnerin wählen, beschreibt dieser Tanz eher einen hilflosen Taumel zwischen Anziehung und Abneigung. Denn auch die Frauen geben nun zu erkennen, wie sehr sie unter den nicht verarbeiteten Beziehungen ihrer Vergangenheit, den Bindungsängsten oder unter fehlender Kompromissbereitschaft leiden.
Das ausdrucksstarke, intensive und sich bisweilen fast überlagernde Spiel der Akteure gleicht einem Billardspiel, in dem Kugeln wild aneinanderprallen, um sich sogleich wieder zu trennen. Am Ende sorgt nur noch der funkelnde Zynismus des Dicken für letzte Lacher, steht jeder, sei es in rasender Wut oder erstarrter Ohnmacht, wieder für sich allein. Ein Engel singt, unmittelbar vor dem lang anhaltenden Schlussapplaus, mit trauriger Stimme „Stairway to heaven“.
Daniel Flügel