Martina König inszeniert den Klassiker der öffentlichen Eheschlacht in einer feinsinnigen und gefühlsnahen Neuinterpretation und bleibt dabei doch ganz nah am Urstoff der fast dreißig Jahre alten Tragikomödie von Dario Fo und Franca Rame. Entstanden ist ein erfrischender und zugleich aufgeladener Theaterabend, der es erlaubt einzutauchen in die Tiefen und Höhen einer Ehe und anbietet mitzureisen in einem wunderbar komponierten Event des tragikomischen Ringens um die Liebe.
Das Kultstück auf dem Theaterschiff!
Der erste Akt beginnt mit Glühwein vor dem Schiff, des Beziehungsdramas zweiter Teil wandert in die Bar, wo für den Besucher zur Stärkung Fingerfood gereicht wird und Antonia live singt, bevor sie sich mit Dario den dritten Teil der Eheschlacht im Theatersaal liefert.
Fotos: ©Stefan Gloede
Textfassung: Martina König
Mitarbeit: Isabell Liere, Mario Neubert
Antonia: Isabell Liere, Anne Schirmacher, Bianca Ballhorn
Dario: Mario Neubert
Premiere 2011
Potsdamer Neueste Nachrichten vom 21.11.2011 zu Offene Zweierbeziehung
Zauberhafte Rosenkriege
„Offene Zweierbeziehung“ feierte Premiere auf dem Theaterschiff
Welch ein Theater! Wohl selten hat man eine so wohltuend ungewöhnliche, lebendige und brillant gespielte Stückpremiere erlebt wie am Freitagabend auf dem Theaterschiff. Ohne die Kurzweil und das komödiantische Potenzial von Rosenkriegen auch nur im Geringsten zu vernachlässigen, hat Martina König die von dem italienischen Literaturnobelpreisträger Dario Fo und seiner Frau Franca Rame geschriebene Tragikomödie „Offene Zweierbeziehung“, die seit ihrer Uraufführung im Jahre 1983 weltweit zum Bühnenklassiker wurde, auf wunderbare Weise neu inszeniert. Und dabei um eine emotional ernsthaftere Komponente erweitert.
Entstanden ist ein Zweipersonenstück als reizender Event. Schon draußen vor dem Schiff nimmt er seinen Anfang, als sich Antonia und ihr Mann Dario plötzlich laut streitend aus den Grüppchen lösen, die am Havelufer plaudernd und Glühwein trinkend im Rauch der Feuerkörbe beieinander stehen. Es sind die üblichen Muster kaputter Paarbeziehungen, eine Zankroutine und die stets unfreiwillig komischen Szenen eines Eifersuchtsdramas, denen man beiwohnt und an Bord folgt. Unter Deck werden Köstlichkeiten gereicht, es ist mollig warm und duftet weihnachtlich. Und als die mit einer unglaublichen Präsenz gesegnete Isabelle Liere dort fahrig und mit zerlaufener Schminke auf dem Tresen sitzt und beherzt, mit voller Stimme ihre kleine Liederrevue singt und Mario Neubert in fabelhaft machohaften, wilden Posen seine Hüften dazu kreisen lässt, treffen sich Tragödie und Clownerie perfekt.
Das Publikum hat sein Vergnügen und fühlt gleichsam mit. Denn man erlebt nicht nur, wie da ein Mann bis zur haarsträubenden Lächerlichkeit seine Seitensprünge verteidigt und seine Frau von der Idee und den Vorteilen einer offenen Zweierbeziehung überzeugen will, sondern auch, wie sehr sie selbst darunter leidet. Außerstande ihr Abhängigkeitsverhältnis aufzulösen, erträgt Antonia die Demütigungen und steigert sich in ihr Leiden hinein. Im zum Laufsteg umfunktionierten Theatersaal, worin sich der Hauptakt abspielt, liegt sie zusammengekrümmt im knallroten Kleid am Boden, schreitet sie durch das Spalier der Zuschauer, auf den Lippen die wunderschöne Rio-Reiser-Ballade „Halt dich an deiner Liebe fest“.
Blendend hingegen geht es Dario. Aufgeräumt und heiter, brüllend vor Gutlaunigkeit kehrt er von seinen Abenteuern wieder, stolziert im feinen Zwirn auf und ab. Es ist ein Genuss, Mario Neubert in seiner Rolle zu erleben. Herrlich gelingt ihm das faxenhaft Überzeichnete, jede Bewegung, jeder Blick ist sprühende Komödie. Erst als plötzlich Antonia von einem Liebhaber angerufen wird und sie ihm dann von diesem scheinbaren Alleskönner und Supermann heftig vorschwärmt, fehlen dem Fremdgeher die Witze und Worte. Ein turbulentes Finale! Nun entlädt sich die Ironie, als Dario das aufgeschlossene Verhalten, das er von Antonia verlangt, selber nicht zeigen kann, sondern hilflos und unter albernen Eskapaden seine Eifersucht zu überspielen versucht.
Der rasante und lautstarke Showdown wird ringsum von Gelächter begleitet und anschließend mit großem Applaus gekrönt. Dass diese Inszenierung, trotz menschlich authentischer Note, keinen Augenblick lang die Balance verliert und abkippt, zeichnet sie besonders aus. Spaß macht das Tempo, die aufgebrochene Bühnensituation, die Schlagabtausche der großartigen beiden Protagonisten. Fast ein bisschen überrascht wird man da vom jähen Schluss.
Daniel Flügel
Märkische Allgemeine Zeitung vom 13.12.2011 zu Offene Zweierbeziehung
In der Inszenierung „Offene Zweierbeziehung“ auf dem Theaterschiff bleibt kein Herz unversehrt
POTSDAM / INNENSTADT - Ein gebrochenes Herz lässt sich nicht reparieren. Bei der jüngsten Inszenierung im Theaterschiff geht pro Abend ein Lebkuchenherz drauf. Für Dario ist damit der Ehekrach gegessen. „Du bist himmlisch“ lässt er per Zuckerschriftzug die geschmähte Antonia wissen, und, dass sie dem Gatten den x-ten Seitensprung doch verzeihen soll. Macht sie auch.
„Offene Zweierbeziehung“ heißt das Kammerspiel des italienischen Nobelpreisträgers Dario Fo, das Martina König auf die schwimmende Bühne bringt, wobei sie den Raum soweit zurücknimmt, das die Erzählung nahe beim Publikum verbleibt: Es gruppiert sich um die Darsteller. Die Textvorlage ist auf Kernaussagen reduziert, die dem Zeitgeist gerecht werden. Mann und Frau holen die Gäste draußen am offenen Feuer ab, ehe es an Bord geht. Während die Flammen in Metallkörben brennen, lodert bei Antonia die Eifersucht. Ihr Mann ist fremdgegangen, erneut. Und wieder zeigt er keine Reue, lässt seine Frau stattdessen wissen, eine offene Zweierbeziehung stünde am Anfang jeder glücklichen Ehe.
Seine Auffassung ist auf unsere globalisierte Welt übertragbar, in der Beziehungen mit sozialen Netzwerk-Freundschaften und daraus resultierenden Unverbindlichkeiten konkurrieren: Man(n) legt sich ungern fest, maximal wenn es darum geht, Offenheit zu definieren: Affären sind erlaubt, wenn der Mann sie hat, stellt Dario klar. Doch zeigt er Herz, als er die verzweifelte Antonia davor bewahrt, sich in die Havel zu stürzen – und sie im Anschluss versöhnlich mit dem großformatigen Lebkuchen behängt, den sie nicht „unverzehrt“ lässt. Ein gutes Bild.
Und das ist erst der Anfang. Unter Deck tauscht Antonia den braven Strickpullilook gegen ein feuerrotes Cocktailkleid und den Ehemann gegen einen Liebhaber. Damit, dass sich seine eigene Beziehungsweise plötzlich gegen ihn richtet, kommt Dario nicht klar. Den Gegensatz seiner Rolle bringt Mario Neubert klasse zur Geltung. Obwohl sein Dario bisweilen ein wenig hampelig-überdreht wirkt, die Strahlkraft, mit der das Stück endet, geht vor allem auf sein Konto. Isabelle Liere schöpft als Antonia das meiste Potenzial aus ihrer Stimme, deren Tonlage sie zwischen verzweifelt und fatalistisch moduliert.
Antonia singt auch, tut dies aber – gemessen an der Gesamtlänge des Stückes – fast über die Hälfte der Aufführung, womit der dramaturgische Effekt wieder verpufft. Der unerwartete Schluss ist indes doppelt wirkungsvoll, er unterstreicht den kurzweiligen Erzählton der Inszenierung und lässt eine zweite Lesart des Titels zu: Das Stück heißt nicht umsonst offene Zweierbeziehung.
Tanja Kasischke